Satt und sauber?
Berlin (kobinet) Brigitte Heinisch hat ihre Erfahrungen in dem Buch "Satt und sauber? Eine Altenpflegerin kämpft gegen den Pflegenotstand" verarbeitet. Philipp Sonntag, selbst Autor, hat das bei Rowohlt erschienene Taschenbuch für kobinet besprochen:
Brigitte Heinisch arbeitete jahrelang als examinierte Altenpflegerin in Pflegeheimen in Berlin. Mit der Zeit fielen ihr immer häufiger krasse Missstände auf. Sie arbeitete bis zur eigenen totalen Erschöpfung, vernachlässigte notgedrungen ihre Kinder, wurde schwer krank. Menschenunwürdig findet sie die Zustände in manchen Häusern, nicht nur für die Bewohner, sondern auch für die, die sich um sie kümmern sollen. Solche Zustände sind weit verbreitet, ganz entsprechend steht bei Wikipedia unter "Altenpflege": "Trotz verschiedener Schutzbestimmungen, auch zur Heimaufsicht, werden immer wieder gravierende Missstände in Pflegeeinrichtungen festgestellt. Das geht von Vernachlässigung oder Gewalttaten durch einzelne Pflegekräfte bis hin zu systematischen Mängeln der Versorgungsform ‚Heim', die immer wieder kritisiert werden."
Neben diesen nüchternen Worten liest sich der authentische Bericht von Brigitte Heinisch wie ein Drehbuch für einen Horrorfilm.
Brigitte Heinisch protestierte oft gegen die unhaltbaren Zustände, sie erhielt Antworten wie (S. 71): "Um diese Dinge haben Sie sich nicht zu kümmern!" Das ließ ihr keine Ruhe (S. 71 f.): "Aufgewühlt fuhr ich nach Hause. Schockiert, wütend und ohnmächtig, versuchte ich zu begreifen, was gerade geschehen war. Was verlangten meine Vorgesetzten von mir? Ich sollte rechtswidrige Arbeitsweisen tolerieren, aber für möglicherweise tödliche Folgen gerade stehen? Es wäre nicht das erste Mal, dass eine Altenpflegerin ins Gefängnis gehen müsste, weil vorher niemand den Mund aufzumachen gewagt hatte."
Elfmal schlug Brigitte Heinisch intern Alarm - keine Reaktion. Dann schaltete sie den Medizinischen Dienst ein. Doch auch als Kontrolleure kamen und die gravierenden Mängel bestätigten, änderten sich die Zustände im Heim kaum. Schließlich erstattete die 45-Jährige Anzeige gegen ihren Arbeitgeber. Daraufhin wurde sie fristlos entlassen. Im Kampf gegen ihre Kündigung erlitt sie vor Gericht eine Reihe von Niederlagen, das führte sie schließlich bis vor den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte.
Plötzlich interessierten sich die Medien für Brigitte Heinisch. Ihre Erfahrung dabei zeigt eine den behinderten nur allzu vertraute, ähnliche Situation, nämlich wie schwer es Altenpfleger und ihre Patienten haben (S. 195 f): "Ich werde andauernd mit der Erwartung konfrontiert, dass ich von den Missständen betroffen sein sollte, das heißt, ich darf schockiert, traurig, wütend und sprachlos sein - als Betroffene, die ihren Bericht abgibt und dann den Mund hält. Sobald ich distanziert bin, analysiere, die gesellschaftlichen Bedingungen kritisiere und Verantwortung benenne - also politisch werde - falle ich aus der Rolle. Eine politische Altenpflegerin, die sich für eine gesellschaftliche Alternative ohne Ausbeutung und Unterdrückung einsetzt, scheint für viele ein Unding zu sein."
Wie ist das möglich? Die deutsche Justiz versagt: (Tagesspiegel 25. Okt. 2008, S. 3): Wo Heimleitung, das unter Druck stehende Pflegepersonal, Betreuer und Ärzte in die gleiche Richtung arbeiten, etwa eine Fixierung fordern, da genehmigen Amtsrichter diese praktisch automatisch. Was sein sollte zeigt sich am Einzelfall des Amtsrichters Michael Irmler, ihm wurden Rechtsbeugung, Urkundenfälschung und Freiheitsberaubung nachgewiesen - mit Auslöser war, dass er eine Fixierung an einem bereits Toten verordnet hatte, da war klar, dass er nichts geprüft hatte. Zwar wird er "korrekt" verurteilt, aber keineswegs das System geändert.
Bricht in Deutschland das von Profit geprägte Gewohnheitsrecht etwa jedes andere Recht, jedenfalls im Umfeld der Altenpflege? Den von solcher Willkür betroffenen, erbitterten Pflegern und "Gepflegten" muss es so vorkommen. Deshalb bleibt Brigitte Heinisch aktiv. Sie hat inzwischen den "Solidaritätskreis Menschenwürdige Pflege" gegründet und Mitstreiter getroffen, die auch nicht mehr stillhalten. Ihr, den Älteren, der Altenpflege insgesamt wäre viel geholfen, wenn sie Erfolg hat. Dazu wird noch viel Engagement von vielen Beteiligten nötig sein. So wie von Andreas Schug, der als Biograph Brigitte Heinisch geholfen hat, ihre Erfahrungen zu Papier zu bringen. sch
Brigitte Heinisch
Satt und sauber?
Eine Altenpflegerin kämpft gegen den Pflegenotstand
rororo Paperback, 221 Seiten, Okt. 2008, 12.- Euro
Quelle: kobinet nachrichten am 20.01.2009
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