Inklusive Bildung – hat Thüringen den Übergang zur inklusiven Bildung zu „überhastet“ begonnen und bleiben die Sondereinrichtungen erhalten?

am Donnerstag, 11 Juli 2013. Posted in Politik

Der Versuch einer Antwort auf die Thesen von Prof. Monika Vernooij von Maik Nothnagel.

Der Artikel 24 der UN-Behindertenrechtskonvention – Inklusive Bildung – hat laut Wikipädia in der Öffentlichkeit in Deutschland die größte Resonanz gefunden. Inhalt und Reichweite dieser Regelung sind in Deutschland und auch in Thüringen umstritten.

Zentraler Punkt dieses Artikels ist die Möglichkeit der gemeinsamen Beschulung behinderter und nicht behinderter Kinder in Regelschulen und der Besuch von Universitäten.

Im Schuljahr 2009/10 besuchten in Deutschland 20,1% der Schülerinnen und Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf allgemeine Schulen.

Für Thüringen stellt der Thüringer Maßnahmenplan zur Umsetzung der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen fest:

„Für das Schuljahr 2011/2012 waren in Thüringen im allgemein bildenden Bereich insgesamt 909 Grundschulen, Regelschulen, Gymnasien, Gemeinschaftsschulen und Förderschulen in staatlicher und freier Trägerschaft zu verzeichnen, die von 176.574 Schülerinnen und Schülern besucht werden, von denen bei 11.516 sonderpädagogischer Förderbedarf begutachtet wurde.

In 86 Förderschulen lernen insgesamt 8.364 Schülerinnen und Schüler. 3.163 Schülerinnen und Schüler lernen im Gemeinsamen Unterricht. Damit beträgt die Förderquote in Thüringen 6,5 Prozent, die Förderschulquote 4,7 Prozent und die Integrationsquote - bezogen auf die Förderquote - 27,5 Prozent.

Seit der Novellierung des Thüringer Förderschulgesetzes im Jahr 2003 ist die Integrationsquote stetig angestiegen (2004/2005: 9,7 %, 2006/2007: 13,7 %).“

Damit verzeichnet Thüringen eine gute Entwicklung, die meines Erachtens weiter ausgebaut werden sollte, denn gemäß Artikel 24 der UN-Konvention muss ein inklusives Bildungssystem geschaffen werden, bei dem Kinder mit Behinderungen nicht aus dem allgemeinen Schulsystem ausgegrenzt, sondern einbezogen werden.

Deshalb ist in Artikel 24 formuliert: „Die Vertragsstaaten anerkennen das Recht von Menschen mit Behinderungen auf Bildung. Um dieses Recht ohne Diskriminierung und auf der Grundlage der Chancengleichheit zu verwirklichen, gewährleisten die Vertragsstaaten ein integratives inklusives Bildungssystem auf allen Ebenen und lebenslanges Lernen mit dem Ziel, die menschlichen Möglichkeiten sowie das Bewusstsein der Würde und das Selbstwertgefühl des Menschen voll zur Entfaltung zu bringen und die Achtung vor den Menschenrechten, den Grundfreiheiten und der menschlichen Vielfalt zu stärken; . . . „

Das gemeinsame Lernen behinderter und nicht behinderter Kinder soll damit zur Regel werden.

An den Ergebnissen in Thüringen ist auch nicht zu erkennen, warum dieser Prozess überhastet war. Gemessen an anderen europäischen Ländern mit guten Erfahrungen in der inklusiven Bildung, so sind z.B. in Österreich bis dato rund 50 % aller Schülerinnen und Schüler mit besonderem Förderbedarf in allgemeine Schulklassen integriert, hat Thüringen, wie auch die Bundesrepublik insgesamt noch erheblichen Nachholbedarf.

Nachholbedarf haben wir in Thüringen vor allem damit, die Menschen in diesem Prozess mitzunehmen. Das gilt sowohl für Allgemeinheit wie auch für die Akteure beim Übergang zur inklusiven Bildung, den Lehrerinnen und Lehrern, den Erzieherinnen und Erziehern und den Verantwortlichen in der Ausbildung sowie den Betroffenen selbst, den behinderten Schülerinnen und Schülern und ihrer Eltern.

Mein Motto lautet: Neues Handeln in der Behindertenpolitik bedarf vor allem eines neuen Denkens bei allen Beteiligten und in der Gesellschaft insgesamt.

Vor allem ist das negative medizinisch defizitäre Behindertenbild zu überwinden.

Natürlich sind mir Ängste und Befürchtungen von Eltern hinsichtlich des Fortbestandes von Fördereinrichtungen, im dem Sinne, für ihre Kinder bestmöglichste Bedingen zu haben, bekannt und ich respektiere diese. Aber zu Äußerungen wie Frau Prof. Vernooij, die Einrichtungen haben Bestand und die Eltern brauchen sich deshalb keine Sorgen zu machen, lasse ich mich nicht hinreißen, denn sie dienen in diesem Kontext der Beruhigung und nicht der Bewusstseinsbildung im Sinnen der UN-Behindertenrechtskonvention.

Bekanntlich verpflichtet der Artikel 8 der Konvention – Bewusstseinsbildung - die Vertragsstaaten darauf, sofortige, wirksame und geeignete Maßnahmen zu ergreifen, um in der gesamten Gesellschaft, einschließlich auf der Ebene der Familien, das Bewusstsein für Menschen mit Behinderungen zu schärfen und die Achtung ihrer Rechte und ihrer Würde zu fördern; Klischees, Vorurteile und schädliche Praktiken gegenüber Menschen mit Behinderungen, einschließlich aufgrund des Geschlechts oder des Alters, in allen Lebensbereichen zu bekämpfen; das Bewusstsein für die Fähigkeiten und den Beitrag von Menschen mit Behinderungen zu fördern. Mit gezielten Maßnahmen sollen u.a. die Aufgeschlossenheit gegenüber den Rechten von Menschen mit Behinderungen erhöht, eine positive Wahrnehmung von Menschen mit Behinderungen und ein größeres gesellschaftliches Bewusstsein ihnen gegenüber gefördert sowie eine respektvolle Einstellung gegenüber den Rechten von Menschen mit Behinderungen auf allen Ebenen des Bildungssystems, auch bei allen Kindern von früher Kindheit an gefördert werden.

Förderzentren können und sollten im Prozess der inklusiven Bildung eine besondere Rolle spielen. Es geht meiner Meinung nach nicht um Schließung dieser Einrichtungen sondern ihre Weiterentwicklung im Sinne der „umgekehrten Inklusion“, darunter verstehe ich, ihre Öffnung für nichtbehinderte Kinder, welche derzeit von der Thüringer Landesregierung vielleicht auch durch solche Berater wie Frau Vernooij abgelehnt.

Durch eine „umgekehrte Inklusion“ könnten meiner Meinung nach diese Einrichtungen auch Vorbildwirkung in den Regionen haben. Darüber hinaus könnten sie auch gezielt für die Weiterbildung der Pädagoginnen und Pädagogen genutzt werden.