Nein zu Gewalt gegen Frauen mit und ohne Behinderung

am Sonntag, 09 Dezember 2012. Posted in Politik

Nein zu Gewalt gegen Frauen mit und ohne Behinderung

Frauen sind häufig von Gewalt betroffen – in der Regel müssen sie diese in ihrem privaten Umfeld erleiden. Besonders hart trifft dies Frauen mit Behinderungen, die häufig in größerer Abhängigkeit von Familie oder Betreuungspersonen leben und sich noch schlechter wehren können. Verstärkt wird dies durch fehlende Unterstützungsstrukturen, mangelndes Problembewusstsein bei Beratungsstellen und Öffentlichkeit sowie vielfältiger Barrieren.

Es geht aber nicht allein darum, dass Thüringer Frauenhäuser nicht barrierefrei sind und eine Rollifahrerin dort schwerlich Zuflucht finden kann. Auch Unverständnis, Kommunikationshemmnisse und fehlendes Problembewusstsein können Barrieren sein, die Frauen mit Behinderungen davon abhalten, sich Hilfe zu suchen. Oder sie nicht zu bekommen, wenn sie sich auf den Weg machen. Dies wird in der Studie „Lebenslagen behinderter Frauen in Deutschland“ dokumentiert, die sich erstmals umfassend auch mit der Gewalt beschäftigt, die Mädchen und Frauen erleiden müssen, wenn sie von anderen abhängig sind. Die vom Bundesfrauenministerium herausgegebene Studie belegt, dass 74 – 90 Prozent der Frauen körperliche Gewalt durch ihre Eltern erfahren haben. 20-34% erlebten sexuellen Missbrauch in Kindheit und Jugend durch Erwachsene. Das sei jede dritte bis fünfte Frau, die als Tochter misshandelt oder missbraucht worden sei. Diese traurige Statistik setzt sich im Erwachsenenalter fort: 21-43% der Frauen haben erzwungene sexuelle Handlungen erlitten. Hinzu kommt, dass nahezu alle Frauen mit Behinderungen (81-99%) direkten diskriminierenden Handlungen ausgesetzt sind.

Da ein wesentlicher Teil des Problems die fehlende Wahrnehmung der Probleme ist, führte die Landtagsfraktion DIE LINKE zusammen mit der Rosa-Luxemburg-Stiftung und dem Verein ISL – selbstbestimmt Leben – aus Jena anlässlich des Internationalen Tages gegen Gewalt an Frauen eine Veranstaltung zu dem Thema durch. Bärbel Mickler vom Hamburger ForUM – Fortbildung und Unterstützung für Menschen mit Behinderungen machte in ihrem Fachvortrag klar, dass neben körperlichen und sexuellen Übergriffen auch fehlende Privatsphären in Einrichtungen oder Familien ein großes Problem darstellen .Nicht nur, dass dies die eigene Lebensqualität und Integrität beeinträchtigt, es befördert auch gewaltsame Übergriffe, wenn beispielsweise Bäder nicht abzuschließen sind und Menschen keinen privaten Rückzugsraum haben. Ein weiteres Grundsatzproblem sei fehlender Respekt, der schon Kindern ein minderwertiges Selbstbewusstsein einimpfe, was nicht selten zu eingeschränkter Wehrhaftigkeit führe. Verstärkt werde dies z.B. durch gesellschaftliche Diskussionen über pränatale Diagnostik und Präimplantationsdiagnostik, die durchaus zur Folge habe, dass Eltern gefragt würden, warum sie die Geburt ihres Kindes mit Behinderung nicht vermieden hätten.

Grundsätzlich müssten Menschen mit Behinderungen einen Großteil ihres Lebens mit Grenzüberschreitungen leben – sei dies bei ärztlichen Begutachtungen und Behandlungen, durch Bevormundung und Versagen eigener Lebensentscheidungen oder auch

bei der Intimpflege. Hier stelle körperliche oder sexuelle Gewalt eine weitere Eskalationsstufe in einer grundsätzlich von fehlendem Respekt getragenen Lebensweise dar.

Deswegen ist eine wesentliche Forderung der Behindertenverbände, das Recht auf eine selbst gewählte und gleichgeschlechtliche Pflege und Assistenz, die Stärkung des Selbstbewusstseins der Betroffenen sowie die Wahrung der Privatsphäre beispielsweise durch abschließbare Toiletten und Bäder.

Barbara Vieweg von ISL bestätigte ihrerseits, dass ein weiteres Problem in der öffentlichen Wahrnehmung ein Definitionsproblem sei. Wer im Rollstuhl sitze, werde selbstverständlich als behindert wahrgenommen. Viel größere Probleme hätten Menschen, die mit psychischen Behinderungen oder seelischen Erkrankungen leben müssten – diese würden viel seltener wahr- und ernstgenommen. In diesem Zusammenhang sei Bewusstseinsbildung ebenso notwendig wie bei der Frage, wie Gehbehinderte Stufen in Frauenhäusern überwinden, Blinde Informationen lesen und Gehörlose mit Beraterinnen kommunizieren könnten.

All dies muss thematisiert und in Angriff genommen werden. Eine gute Grundlage dafür ist die Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen, die nicht nur in einen Maßnahmeplan übersetzt werden muss, sondern bei dem es auch gilt, den Plan in konkrete Schritte zu übersetzen.

DIE LINKE fordert in diesem Zusammenhang Maßnahmen in folgenden Bereichen:

  1. Barrierfreiheit, z.B. Informationsmaterial in leichter Sprache und Finanzierung von Gebärdendolmetschern
  2. Pflege und Gesundheit, z.B. das Recht auf geschlechtsspezifische Pflege und Assistenz sowie ein Netz an psychotherapeutischer Unterstützung und Hilfen
  3. Bewussteinseinsbildung und Prävention: z.B. Fortbildung von Frauenhausmitarbeiterinnen, Polizei, Medizin, Justiz etc.
  4. Verbesserung in Einrichtungen wie z.B. Einrichtung von Frauenwohngruppen und Wahl von Frauenbeauftragten
  5. Novellierung von Strafgesetzen wie die Überarbeitung des Gewaltschutzgesetzes
  1. politische Maßnahmen wie die Überarbeitung von Gesetzen und die Einführung einer Statistik.

Entscheidend ist, dass auf Grundlage der Behindertenrechtskonvention und der vorgelegten Studie die Probleme von Mädchen und Frauen mit Behinderungen ins Bewusstsein sowohl der Öffentlichkeit als auch der Fachwelt dringen und nicht in Bälde wieder verdrängt und vergessen werden.

Um dies zu unterstützen, werde nach den Aussagen Karola Stanges die Umsetzung des Maßnahmekataloges zur Behindertenrechtskonvention in den nächsten Monaten ein Schwerpunkt der Arbeit sein. Hierbei werde geprüft, ob eine Koordinierungsstelle für Frauen mit Behinderungen in Thüringen installiert werden könne. Darüber hinaus werde das Thema in weiteren parlamentarischen Initiativen sowie einem Antrag für den Landesfrauenrat aufgegriffen.

 

Gabi Ohler

 

Die ausführlichen Forderungen zum Thema „Nein zu Gewalt an Frauen mit Behinderungen“ sind auf der Internet-Seite der Fraktion DIE LINKE im Thüringer Landtag zu finden.